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Party ist überall: Süddeutsche Zeitung

Süddeutsche Zeitung

Teil 4 der Serie: Zwischen Strandbar und Schreberlounge – wer im Berliner Nachtleben unterwegs ist, kann eigentlich nichts falsch machen

Von Evelyn Roll

Unfassbar hochprozentig

...David hat schon von seinem letzten Berlin-Besuch eine interessante These zu Berlins coolem Osten entwickelt. Der coole Osten Berlins sei wie Londons cooler Osten: "Als hätte man auf den Londoner Osten eine Folie gelegt, die Menschen abgezogen und am Prenzlauer Berg wieder eingeklebt. Hier wie dort die vierte Welle von 19-Jährigen, die sich so anziehen wie New Yorker Garagenpunkbands von 1978 und immer noch die gleiche Musik hören: "Untotes, zombiehaftes Revival."

Dann ist es 23 Uhr, eine interessante Uhrzeit für einen Londoner Urban Junkie.

Wenn man jetzt mit dem Hubschrauber über London fliegen würde, erzählt David, könne man sehen, wie überall in der Stadt Menschen wie Ameisen nach den Last Orders aus den Restaurants und Pubs in die Straßen herausgestoßen würden und ratlos herumlaufen. Einige stellen sich dann in dünnen, langen Reihen an, um in die viel zu wenigen Bars und Clubs zu gehen, die immer Eintritt kosten, zehn Pfund mindestens – also etwa 12,50 Euro – und bis zu 500 Pfund in den Privatclubs. Weil das in Berlin so ganz anders ist, geht's für ein paar Bier ins "A-Trane", einem Jazz-Club an der Bleibtreustraße. Free Jazz in jeder Hinsicht. An den Tischen Connaisseurs und Biertrinker, die mit den Köpfen wackeln.

Jetzt ist es Zeit, den Klingelknopf zu drücken am „Green Door” in der Winterfeldstraße."It's slightly snobby", steht im"Rough Guide". Dabei ist "Green Door" nur eine kultivierte Bar mit mittelaltem, am ernsthaften Trinken interessiertem Publikum, das sich an einem sehr langen Tresen vor 380 verschiedenen Flaschen mit alkoholischen Getränken, drei hochambitionierten Barmännern und einer wie mit Nutella gestrichenen Wand gewissenhaft der Kunst des positiven Trinkens hingibt – "the art of positive drinking", wie auf der Karte steht. Sehr angenehm. Unfassbar hochprozentig. Und nicht wirklich snobby. Es gibt glücklicherweise keinen Spiegel hinter den Flaschen, der vom Trinken ablenken könnte. Und für die Konversation ist man auf die Menschen angewiesen, die zufällig links und rechts von einem am Tresen sitzen. Die blonde Teufel-trägt-Prada-Frau zum Beispiel mit der sehr viel jüngeren Freundin, beide offenbar im Immobiliengeschäft. Vielleicht wollen sie aber auch nur ein schickes Loft kaufen in der Torstraße.

Die Gespräche sind wie die Drinks angenehm anästhesierend. Außerdem ist es jetzt 4.55 Uhr. Es gibt keinen Dresscode, keine Sperrstunde, keine Last Orders. Und nichts, was man verpassen könnte. Denn in Berlin gilt: Wo ich bin, ist die Party.


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