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Mister Dynamit - Teil 2

Die geballte Ladung heißt Dennis Hopper. Sein liebstes Spiel: In die Luft fliegen.
Portrait des amerikanischen Regisseurs und Schauspielers von Fritz Müller-Scherz, Teil 2

Dennis Hopper ist ein leidenschaftlicher Schauspieler und er ist es vor allem immer. Nur wenn man ihn sehr gut kennt, kann man bei ihm Spiel und Ernst unterscheiden.
Das Wenders-Team - damals durch Wims Liebe zu amerikanischen Filmen, amerikanischer Musik und amerikanischen Pop-Art-Accessoires angesteckt - wollte seinen „amerikanischen Star“, den Hauptdarsteller und Regisseur von Easy Rider, und war neugierig und stolz auf ihn. Dennis merkte das sofort und „gab“ uns den amerikanischen Star, auch und vor allem mit der erwarteten Wildheit und den Launen.


Nachdem Dennis etwa eine Woche in Hamburg war, drehten wir in einer großen, neoklassizistischen und heruntergekommenen Villa an der Elbchaussee. Licht und Kamera waren eingerichtet, das Team wartete. Als Dennis dann viel zu spät an den Drehort kam, beging er klug Flucht nach vorn: Er brachte die Nummer vom verärgerten, sensiblen Star. Er sei zu spät geweckt worden, habe kaum frühstücken können, und der Aufnahmeleiter sei in unerträglicher Weise auch noch frech zu ihm geworden. Er könnte und wolle jetzt nicht drehen. Er ließ die verblüffte Mannschaft stehen, lehnte sich mit dem Rücken zu allen an eine Säule, den Kopf in den Arm gelegt und blieb einfach so. Verunsichert wartete man ab. Nach zehn Minuten ging Wenders schließlich zu ihm, legte ihm beruhigend den Arm um die Schulter und wollte ihm gut zureden. Dennis riss sich los, funkelte Wenders mit erschreckender Wut an und fauchte: „Hau ab, oder du kriegst ein paar in die Fresse!“ Wenders zog sich sofort zurück und schickte mich an die Front: „Du kannst doch gut mit ihm!“
Dennis lehnte unverändert da, das Gesicht im Arm verborgen wie ein bockiger Junge. Ich musste lachen. Ohne den Kopf zu heben, zischte Dennis: „Lach nicht!“ Ich sagte: „Ich muss aber, weil es wirklich komisch ist. Komm drehen!“ Er schielte mich von der Seite an, scheinbar wütend, sah mich immer noch grinsen und grinste dann plötzlich zurück: „Okay. Aber gib mir noch fünf Minuten, das gehört noch dazu!“
Das war der Beginn der Freundschaft.


Berlin: In der Enge des Wohnwagens, der eigentlich nur ein Campingwagen ist, hat Dennis seine Filmgarderobe angezogen: blau changierender Anzug mit Weste, dunkelblau gestreiftes Hemd, silberne Krawatte. Seine Haare hat er streng nach hinten gekämmt. Dennis wirkt fremd auf mich: Der schillernde Anzug passt nicht zu ihm, er kommt mir wie verkleidet vor. Ich kenne ihn eigentlich nur in Jeans, Jeansjacke, Stetson und Cowboystiefeln.

An dem braunen Resopaltisch sitzt eine schwarzhaarige junge Frau mit dunklen Augen. Sie friert und hat sich einen viel zu weiten Wintermantel von Dennis angezogen und die Ärmel umgekrempelt. Die Frau ist Christina, eine Griechin. Dennis hat sie im vergangenen Jahr auf dem Filmfestival in Saloniki kennen gelernt, als er dort seinen jüngsten Film Out of the Blue vorstellte.
Dennis kann schwer allein sein. Von Taos, New Mexico, ins unbekannte, kalte Berlin eingeflogen, ohne Unterstützung einer Frau, seines Managers oder eines vertrauten Freundes, von freundlichen, aber fremden Menschen umgeben, immer nur Interconti-Hotel, Auto, Drehort, allein im Wohnwagen, Drehen, wieder Auto und die Mini-Bar im Zweizimmerappartment im Interconti - das war nach einer Woche zuviel: Dennis rief in Griechenland an und Christina ist gekommen. Er braucht sie: beim Drehen, nachts und auch zum Streiten. Sie hat frisch verheilte Kratzspuren im Gesicht.
Der Wohnwagen ist Dennis’ Festung, er hat sich regelrecht verbarrikadiert: Die Tür ist hinter mir wieder abgeschlossen worden, die Vorhänge bleiben immer geschlossen. Als ein Aufnahmeleiter klopft, um Dennis zu sagen, welche Einstellung als nächste dran ist, läuft ein Ritual ab, das sich bei jedem Besucher wiederholt: Dennis reagiert überhaupt nicht, Christina schaut vorsichtig durch einen Vorhangspalt und flüstert, um wen es sich handelt. Dann brüllt Dennis: „Who’s there?“ Nach der Antwort wartet er noch einige Zeit, gibt dann Christina Zeichen zu öffnen. Am liebsten würde er überhaupt niemanden hereinlassen.

Nur ein kleines Notlicht an der Decke beleuchtet barmherzig schwach das Durcheinander in der Enge des Trailers: hingeworfene Kostüme und private Kleidungsstücke, Zeitschriften, Reisetaschen, Schuhe, Cowboystiefel. Irgendwo liegt auch der unvermeidliche Stetson, vom gleichen Typ, wie ihn Dennis in Easy Rider getragen hat und immer trägt. Der Tisch ist überfüllt von Cola-Dosen, leeren Zigarettenschachteln, Flaschen, Asche, zerdrückten Pappschachteln und herausgerissenen Drehbuchseiten.
Auf dem Kühlschrank steht aufgeklappt ein großer mattschwarzer Aluminiumkoffer mit einer in Schaumstoff eingelassenen Kassetten-Stereoanlage. Das Jackson-Browne-Band läuft wieder. Dennis dreht eine Nummer voll auf, hört mit geschlossenen Augen zu und spricht Textstellen mit. Er hat den Koffer immer bei sich, manchmal auch am Set beim Drehen. Dennis braucht Musik, er ist süchtig danach.
Christina macht einen schwachen Versuch, etwas Ordnung auf dem Tisch zu schaffen: Sie braucht Platz, um einen Joint zu drehen. Dennis fischt eine Drehbuchseite mit Dialogen aus einer Whisky-Cola-Pfütze und liest laut:

„44. Hilton/Inside … in the lobby Moody runs into Barlow …
Barlow: My God, I’d be ruined … on top of that!
Moody: You’d be ruined??? I’d be dead!!
Barlow (hectic): Yeah. I said - on top of that!”

Dennis wirft die Seite wieder in das Chaos auf dem Tisch und sagt: “Die Leute sollten weniger reden und mehr trinken!“ Dann öffnet er eine frische Whiskyflasche, füllt einen Plastikbecher und gießt eine Spur Cola drauf. Anstandshalber.

Weiter mit Teil 3.


 
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