|
Die geballte Ladung heißt Dennis Hopper. Sein liebstes Spiel: In die Luft fliegen. Portrait des amerikanischen Regisseurs und Schauspielers von Fritz Müller-Scherz, Teil 4
Trink- und rauchfest: Hopper (rechts) & Müller-Scherz (Foto: Ise Ruppert) Berlin: Dennis wird zum Drehen abgeholt. Er ergänzt sein Kostüm mit dem hellen Regenmantel und einer dunkeln Brille. Er zieht noch mal am Joint, während er das Lied, das gerade läuft, im Stehen zu Ende hört, dann geht er.
Draußen ist es inzwischen dunkel geworden, es ist windig und kalt. Die schmalen Schultern hochgezogen, geht Dennis mit kleinen, schnellen Schritten vor mir her, in einer Hand einen Whisky-Cola-Becher. Der lange dünne Regenmantel flattert in einer Windbö. Dennis sieht klein und schmächtig aus und wirkt sehr verloren, wie er da so langgeht. Aber auch die Energie und Spannung, die von ihm ausgeht, ist zu spüren. Wann und wie diese Energie ausbricht, weiß man bei ihm nie. Auf jeden Fall sehr plötzlich, und dann geht man am besten in Deckung oder hat sehr gute Nerven.
In der ausgeleuchteten Hotelhalle herrscht geordnetes Durcheinander. Zwischen Statisten, neugierigem Hotelpersonal, Gästen und amerikanischen Touristen, die gerade auf ihren Sightseeing-Bus warten, arbeitet das Filmteam ruhig und konzentriert. Einer der Tonleute befestigt ein Sendermikrofon an Dennis’ Anzug, dann steht Dennis im Hintergrund an eine Wand gelehnt und wartet. Er raucht eine Zigarette. Er raucht sie plötzlich ganz anders als vorhin: gieriger, nervöser, mit fahrigen Bewegungen. Auch sein Gesicht hat sich verändert. Es wird kantiger, härter, es wird das Gesicht von Barlow, der Figur, die er spielt. Und beim Drehen merke ich plötzlich, dass sein Kostüm, das mir im Wohnwagen noch so albern vorkam, jetzt plötzlich stimmt: Den Anzug, die dunkle Brille trägt jetzt ein anderer Mann, nicht mehr Hopper, sondern Barlow. Hopper ist Barlow. Dennis identifiziert sich völlig mit den Rollen, die er spielt, und er spielt sie mit totalem psychischem und körperlichem Einsatz. Das war bei Easy Rider so, bei The Last Movie, seinem jüngsten Film Out Of The Blue und auch bei Der amerikanische Freund.
Als Dennis und sein Partner Bruno Ganz im Amerikanischen Freund in einer Szene einen Gangster aus dem fahrenden TEE werfen, fällt Dennis fast mit aus dem Zug. Bruno Ganz soll gerade noch seine Hand erwichen und ihn in letzter Sekunde wieder in den Waggon zerren. Diese Szene drehten wir im Studio der Münchener Bavaria. Ein originalgetreu nachgebauter TEE-Waggon stand zwei Meter über dem Boden auf einem Rüttelmechanismus aufgebockt - der Waggon musste Ja schließlich „während der Fahrt“ wackeln. Die Szene wurde geprobt. Dennis hing in der geöffneten Tür des Waggons, Bruno stand im Inneren, bereit, Dennis’ Hand zu greifen. Als Wim Wenders das Zeichen gab, ließ sich Dennis rücksichtslos fallen. Bruno erwischte ihn nicht. Dennis fiel zwei Meter tief auf den Betonboden des Studios, rollte sicht über den Rücken ab und sprang wieder auf. Es war totenstill im Studio. Bruno Ganz war starr vor Schreck und weiß im Gesicht. Leute aus dem Team machten Vorschläge, wie man Dennis beim nächsten Mal schützen könne, falls er wieder falle. Dennis lehnte ab: „Ich habe mich immer nur verletzt, wenn Leute mir helfen wollten. Lasst es!“ Bruno ging inzwischen entnervt hinter dem Waggon auf und ab: Er fürchtete sich vor dem nächsten Mal. Dennis ging hin und redete mit ihm: „Bruno, ich mach’ das nicht, um dich in Schwierigkeiten zu bringen. Ich muss mich wirklich fallen lassen, und du musst mich tatsächlich in letzter Sekunde erwischen! Erst dann kriegt die Einstellung ihre Gefahr und ihre Spannung. Ich kann dir schließlich nicht die Hand hinhalten, damit du sie bequem greifen kannst. Das wird man im Kino sehen. Wir müssen beide dabei wirklich Angst haben - dann wird es gut! Und wenn ich falle, dann fall’ ich eben. Mach dir keine Sorgen: Fallen kann ich!“ Dennis grinste Bruno breit an, und Bruno musste auch lachen. Sie machten es noch mal, es wurde gleich gedreht, und beide schafften es. Die Szene sieht im Film sehr gut aus.
Weiter mit Teil 5. |