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Die geballte Ladung heißt Dennis Hopper. Sein liebstes Spiel: In die Luft fliegen. Portrait des amerikanischen Regisseurs und Schauspielers von Fritz Müller-Scherz, Teil 5
Bei den Dreharbeiten zu White Star in Berlin gibt es tatsächlich ein paar Verletzungen. Mit rund 300 Punks wird in einem Musik-Klub gedreht. Um gute und realistische Bilder der Gewalt zu bekommen, heizt Regisseur Klick die echten Punks ordentlich an, fordert sie auch auf, mit Bierdosen zu werfen. Etwas erstaunt, aber dann voller Begeisterung legen die Typen los. Peter Gauhe, einer der Kameramänner, kommt gar nicht erst zum Drehen: Ihm werden sofort zwei gefüllte Müllkörbe über Kopf und Kamera gestülpt. Und Kameramann Jürgen Jürges gibt seinem Assistenten bei einer Kamerafahrt durch die tobende Menge lautstark Hinweise für die Schärfe und bemerkt erst am Schluss der Einstellung, dass der schon lange nicht mehr neben ihm, sondern längst nach einem Steinwurf zu Boden gegangen ist. Roland Klick hat inzwischen nach einem Bierflaschentreffer ein blaues Auge und Dennis von einer Bierdose blutende Lippen. Die Punks sind begeistert: „Endlich mal’n Film, der losgeht!“ Vom Team regt sich eigentlich niemand ernsthaft auf. Klick trägt das blaue Auge eher als Auszeichnung und Dennis sagt nur: „I hate punks!“ Klick: „Quatsch, der ist doch selber einer!“
Abends auf dem Kurfürstendamm: Dennis zettelt erst mal schnell einen Streit mit Christina an, die das nicht ernst nimmt und ruhig in sehr griechischem Englisch antwortet. Plötzlich sagt Dennis: „Ich hab Hunger, ich lad’ euch zum Essen ein.“ Er stoppt ein Taxi und verlangt, zum besten und teuersten Restaurant in Berlin gefahren zu werden. Es ist Sonnabend neun Uhr, und im Maître kommen wir nicht weiter als bis zur Garderobe: Das renommierte Restaurant ist hoffnungslos überfüllt, die Chefin lehnt höflich, aber bestimmt ab. Wir gehen einige hundert Meter weiter zu einem Restaurant, das uns der Taxifahrer als Zweitlösung ans Herz gelegt hat. Dort die gleiche Situation. Der Geschäftsführer erkennt Hopper, sagt, er wolle sich etwas ausdenken und verschwindet für eine Weile. Wir stehen in dem überfüllten Raum herum. Dennis mit seinem Cowboyhut, Christina in dem viel zu weiten Mantel. Rot befrackte Kellner drängen sich an uns vorbei, die Gäste starren. Schließlich führt uns der Geschäftsführer einen langen Gang Richtung Küche entlang und bleibt vor einer Tür mit der Aufschrift PRIVAT stehen, öffnet sie schwungvoll: ein enger Raum mit teuren, aber geschmacklosen Seidentapeten, drei vollbesetzte Tische im Kerzenschein, ein kleiner Dreiertisch vor einer Kübelpalme: unser Tisch. Alle Gespräche verstummen sofort in diesem wohnzimmerartigen Reserveraum. Dann geht der Kellner und schließt die Tür hinter sich. Wir sind eingesperrt in dieses kleine Zimmer mit einem Dutzend gutsituierter und irritiert schweigender Gäste, die feindselig mit dem Gesichtsausdruck „hier-können-wir-also-auch-nicht-mehr-hingehen“ zu Dennis herüberschauen. Dennis, der seinen Stetson natürlich auf dem Kopf behalten hat, bemerkt es und fängt an, mit der Topfpalme zu spielen, die dicht hinter ihm steht und seinen Kopf einrahmt. Als eine Dame vom Nebentisch ihn mustert, leckt er in einer obszönen Geste die Palmenblätter ab, zieht sie durch den Mund. Dann lacht er die Frau an. Die wird rot, schneidet hektisch an ihrer Ente herum und flüstert etwas ihrem Begleiter zu, der sich empört zu uns umdreht. Dennis lächelt ihn an und winkt freundlich. Dennis: „Die wollen den hässlichen Amerikaner, also sollen sie ihn kriegen!“
Einige Aquavit später, bei der Lachsvorspeise, wird Dennis bewusst immer lauter und hält einen Vortrag über seine Meinung zur NATO und den in Europa stationierten Cruise-Missiles und brüllt: „General Patton hatte recht. Wir hätten damals in Russland einmarschieren sollen!“ Christina lacht laut. Dennis überschreitet bewusst alle Grenzen, probiert aus, wie weit er gehen kann: Mit den Fingern isst er laut schmatzend seinen Lachs, stopft ihn auch abwechselnd mir und Christina in den Mund und brüllt: „Amerika muss raus aus der NATO!“ Dann wirft er ein Stück Lachs in die Luft.
Dennis’ provozierende, konsequent rücksichtslose Art macht mir, obwohl ich sie von früher her gut kenne, zunächst doch einige Mühe. Aber dann entwickelt man so was wie Gelassenheit, und schließlich wirkt seine Unverfrorenheit fast befreiend: Es ist, als ob man als Kind lustvoll im Matsch wühlt. Irgendwann denke ich, jetzt müsste doch eigentlich einer der Leute dem Dennis sagen, dass er die Schnauze halten soll. Nichts dergleichen. Ein Paar geht eilig, die anderen heben ihre Stimme, um gegen Dennis’ Lautstärke anzukommen. Wenn Dennis dröhnt: „We kill three quarter of the Russians, they kill one quarter of us! I want out of the fucking NATO!”, dann brüllt eine Frau ihrem Ehemann zu: “Und weißt du, wenn ich in der Lebensmittelabteilung im KaDeWe getroffen habe?“ Schließlich brüllen eigentlich alle im Raum - es ist absurd und komisch. Und Dennis, der Regisseur des ganzen Happenings, genießt es. Die Frau, die vorhin rot geworden ist, sagt plötzlich in bemühtem Schulenglisch und gar nicht unfreundlich zu mir und Dennis: „Wisst ihr was? Ihr seid kleine Jungen!“ Dennis: „Richtig! Aber was glauben Sie, wie schwer es ist, überhaupt zum Kind zu werden?“
Später in der Nacht: Dennis will dringend Musik hören. In der Nähe ist eine Edeldisco. Wir machen uns auf den Weg. Irgendwann bleibt Dennis während einer kleinen Routine-Auseinandersetzung mit Christina vor einem bunt bemalten Sexklub stehen. Er sieht die bunten Birnen über dem Eingang flackern und bricht den ohnehin unwichtigen Streit sofort ab: „Da müssen wir rein!“ Wir müssen klingeln. Seitlich neben dem Eingang öffnet sich eine Klappe, in deren Rahmen das hart geschminkte Gesicht einer Dunkelhaarigen erscheint, misstrauisch. Wir zahlen jeder 20 Mark, die Klappe wird wieder zugeknallt und nach einiger Zeit die Tür geöffnet. Die Dunkelhaarige ist immer noch mürrisch. Sie trägt einen knappen schwarzen Plastikbikini zu hochhackigen Schuhen. Der schlauchartige Raum mit abgewetzten, weichen Sitzgruppen und niedrigen Couchtischen ist in gedämpftes rotes Licht getaucht. An der Stirnseite eine kleine Bühne mit einer Filmleinwand, am anderen Ende des Raums eine geschwungene Bar. Da hocken wie abwartende Raubvögel nebeneinander die sechs Damen des Hauses, auch in schwarzen Plastikbikinis und schauen uns böse an. Sonst ist niemand da. Wir drei sind die einzigen Gäste. Die ältere blonde Chefin bringt uns die Whisky-Cola und macht mich streng darauf aufmerksam, dass mein Hemd hinten heraushängt. Ein Projektor beginnt zu surren, und auf der Leinwand erscheint eine Blondine mit beeindruckenden Brüsten und stellt sich unter die Dusche. Ein Herr mit ebenfalls sehr beeindruckendem Attribut seift sie gründlich ein. Dann betritt noch ein zweiter Mann die Szene und greift ein. Dennis lacht und Christina kichert. Dennis: „Mensch, der Film hat ja einen Plot!“ Und: „Fickfilme sind doch die wahre Filmkunst! Da! Habt ihr den Kameraschwenk gesehen? Großartig!“
Der lachende, lärmende und saufende Cowboy mit Stetson in der Kulisse dieses heruntergekommenen Ladens – das irritiert die Bikinidamen. Wir sind nicht ihre Sorte von Gästen, sie fühlen sich nicht ernst genommen. Die Atmosphäre wird trotz laufend bestellter Whisky-Colas immer angespannter. Als Dennis seine Bein über Eck auf den niedrigen Tisch legt, kommt die Chefin angerauscht: „Nehmen Sie sofort die Beine da runter. Wir sind hier schließlich nicht bei den Hottentotten!“
Als Christina wenig später gedankenlos den gleichen Fehler macht, wird der Geschäftsführer aus den hinteren Räumen geholt, ein dünner Mann in Hemdsärmeln, der ohne jedes Format versucht, Autorität zu verbreiten: „Wenn Sie das noch einmal machen, werde ich Sie des Lokals verweisen!“ Dennis entzündet einen Joint, und der Geschäftsführer umkreist uns schnüffelnd, ist sich jedoch nicht sicher und verzichtet auf ein erneutes Eingreifen.
Ein Film folgt dem anderen und eine Whisky-Cola folgt der anderen, unsere Stimmung wird immer aufgeräumter. Dennis verschwindet auf dem WC, Christina geht hinterher. Eines der Mädchen signalisiert der Chefin, dass Christina zum Herren-WC gegangen sei: Verstärkte Unruhe bricht aus, aber da kommt Christina bereits wieder. Dennis bleibt lange weg. Der Geschäftsführer schaut auf die Uhr und entschließt sich zu einem Kontrollgang ins WC. Nach ein paar Sekunden Stille tönt Dennis wütende Stimme: „Lasst mich verdammt noch mal in Ruhe scheißen!“ Etwas betreten erscheint der Mann wieder und raunt den Mädchen zu: „Er scheißt tatsächlich!“
Wieder zurück, ist Dennis die Sache leid: Er lädt die ganze Belegschaft zu ein paar Drinks ein. Immer noch misstrauisch weist die Chefin darauf hin, dass jeder Dring 40 Mark koste. Dennis steht auf und kramt aus den engen Taschen seiner Jeans zerknüllte und teilweise eingerissene Geldschein, wirft sie zu einem Haufen auf den Tisch: „Reicht das?“ Die Stimmung schlägt sofort um: Alle entspannen sich, man stößt gutgelaunt miteinander an, es wird gelacht, und die Chefin legt Dennis ihren Arm um die Schulter: „Komm, jetzt vertragen wir uns wieder!“ Als wir dann trotzdem gehen wollen, besteht eins der Mädchen darauf, uns noch ihre Live-Show vorzuführen: „Bitte!“ Es hilft nichts, wir müssen bleiben. Zu Tonbandmusik arbeitet das Mädchen mit sichtlichem Engagement 20 Minuten lang auf der kleinen Bühne – hauptsächlich mit einer Whiskyflasche. Dennis wird immer stiller, dann sagt er: „Das macht mich zu traurig, ich muss hier raus!“
Weiter mit Teil 6
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