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Mister Dynamit - Teil 6
Die geballte Ladung heißt Dennis Hopper. Sein liebstes Spiel: In die Luft fliegen.
Portrait des amerikanischen Regisseurs und Schauspielers von Fritz Müller-Scherz, Teil 6

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Zu Fuß gehen wir die paar hundert Meter zu der Diskothek.
Innen viel Metall, Designer-Kühle, sehr voll, Ska-Musik.

Dennis geht herum. Irgendwann sehe ich ihn, wie er, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, am Rand der Aluminium-Tanzfläche auf dem Boden kauert und unter der brieten Hutkrempe hervor auf die Tanzenden schaut.
Plötzlich sieht er erschöpft, verschlossen und einsam aus, wie er da zusammengesunken hockt.

Dennis ist ununterbrochen mit sich selbst beschäftigt: mit darstellen, spielen, verstellen und mit überwinden von Katastrophen unterschiedlicher Größenordnungen. Und wenn keine Krisen da sind, dann provoziert und inszeniert er sie, um kämpfen und die Krisen überwinden zu können. So spürt er sich am intensivsten, und das braucht er. Ich verstehe das gut, weiß aber nicht, wie er das aushält, körperlich und psychisch.

Rücksicht auf seine Umgebung nimmt er dabei nicht immer. Und da die wenigsten diesen Druck und dies Intensität längere Zeit ertragen können, schlägt bei vielen, die mit Hopper zu tun haben, anfängliche Faszination und Zuneigung in Ablehnung und Angst um. Das macht ihn einsam und verletzt ihn. Er weiß das auch, aber ändern wird sich Dennis nicht. Und das macht ihn aus.
Die Nacht endet um fünf Uhr früh in Dennis’ Appartement: Betrunken aber begeistert denken wir uns zwei Filmgeschichten aus und trinken dabei die Mini-Bar ziemlich leer, währen Christina immer wieder Joints dreht. Das letzte, was ich weiß, ist, dass Dennis mit einem nachdenklichen Blick auf die leeren Fächer der Mini-Bar sagt:“ Man soll alles machen, aber nie an eine Mini-Bar gehen. Das ist treurer als Kokain!“

Der nächste Tag ist drehfrei. Am frühen Nachmittag versuche ich vergeblich, Dennis in seinem Zimmer zu erreichen. Ich finde ihn im Hotel-Restaurant „Zum Hugenotten“. Da sitzt er an einem Tisch, der auf einm erhöhten Podest steht. Dennis sitzt wie auf einer Bühne und schreit mit rotem Kopf auf Christina ein. Sonst ist niemand da, das Restaurant ist nach dem Mittagsgeschäft eigentlich schon geschlossen.

Ruhig bittet mit Dennis, mich zu setzen, und dann brüllt er weiter. Sovie ich verstehe, handelt es sich um einen Eifersuchtsanfall: Er beschuldigt sie, am Vormittag irgendwelche Männer getroffen zu haben. Christina verdreht mir gegenüber die Augen, sagt dann zu Dennis: „No Baby, ich war Einkaufen, du hast Paranoia!“
Dennis: „Quatsch! Weißt du, was Freud gesagt hat? 98 Prozent aller Paranoiker habe auch tatsächlich einen Grund, paranoid zu sein! Also bin ich nicht krank!“ In der Weinflasche im Eiskübel ist nichts mehr drin, Kellner gibt es auch nicht mehr, also gehen wir, zumal wir einen Termin mit einer Hamburger Fotografin verabredet hatten.

20 Meter weiter, an der leeren Bar der Brasserie, bleibt Dennis allerdings schon hängen: Er benötige jetzt sofort ein frisches Bier. Dann bestellt er drei doppelte Tequilas mit Zitrone und Salz. Und so bleibt es dann: Wir sitzen, reden, trinken. Die Fotografin kommt und muss auch einen Tequila nehmen. Christina sagt mir leise, dass Dennis kaum geschlafen und um neun Uhr morgens das Trinken wieder angefangen habe: „Er darf nicht weiter trinken, sonst dreht er durch!“ Dennis trinkt weiter.


Schließlich gehen wir dann doch in sein Appartement, um Fotos zu machen. Er hat vorgeschlagen, Aktfotos von sich zu machen, die könne man dann später in einer Kunstgalerie zeigen. Aber zunächst besteht er noch darauf, dass die Fotografin sich selbstverständlich auch ausziehen müsse. Sie möchte nicht. Dennis: „Hast du wenigstens Strapse mit?“
Oben geht dann zunächst scheinbar alles ruhig ab: Dennis geht mit der Fotografin ins Nebenzimmer, Christina und ich warten im anderen. Dann ruft Terrence Robay an, Dennis’ Filmpartner: Ob er vorbeikommen könne, um mit Dennis die Dialoge für den nächsten Tag durchzugehen. Als Christina Dennis ruft, kommt er hereingestürmt und hat sofort einen Wutanfall. Er mache jetzt Fotos und sonst gar nichts, Terrence könne ihn mal. Dann sagt er wieder, dass er doch kommen soll.

Als Christina es ausgerichtet und den Hörer aufgelegt hat geht es lost: Schreiend beschuldigt er sie, hinter Terrence her zu sein. Wieso der plötzlich kommen wolle, um Dialoge durchzugehen, das töte der sonst nie. Es ist wie ein Vulkanausbruch. Dann verschwindet er im Nebenzimmer, wirft dabei die Tür hinter sich zu, dass es wie eine Explosion in den Ohren nachhallt. Christina sitzt bleich da und zittert.

Es klingelt an der Tür: Terrence ist da, mit dem Drehbuch unter dem Arm, freundlich lächelnd. Wir wimmeln ihn im Flur ab. Er ahnt, dass es Probleme gibt, meint, er sei in seinem Zimmer und Dennis könne ihn jederzeit erreichen. Als wir wieder zurückkommen, geht alles sehr schnell: Dennis versucht, die Tür zum Nebenzimmer abzuschließen was ihm jedoch nicht gelingt. Wütend wirft er sie mit aller Macht immer wieder zu, fängt an zu schreien. Ich versuche ihn zu beruhigen, aber es ist nichts mehr zu machen: Er hat einen Tobsuchtsanfall.
Ich sage der Fotografin, sie soll aufhören und gehen. Sie packt ihre Sachen, Dennis schreit mit weißem Gesicht herum, Christina schreit auch, aus Angst und Hysterie. Dennis ist außer sich und in seiner Wut verzweifelt. Ich geh auf Dennis zu, versuche ihn beruhigend anzufassen, weil ich denke, vielleicht nutzt es was, wenn man ihn einfachen in den Arm nimmt. Er stößt mich natürlich sofort weg, schlägt nach mir, stoppt die Schläge aber trotz seiner Raserei immer wenige Zentimeter vor mir.

Als er plötzlich auf Christina losstürmt, gehe ich dazwischen. Plötzlich landet dann doch ein Treffer an meiner Stirn. Meine Brille fliegt in hohem Bogen durch den Raum, ich sehe Sterne, lande zwischen den Möbeln und werde plötzlich wütend. Dennis brüllt immer noch, dass der Ton in scharfem Echo von den Betonwänden schrillt. Als er wieder auf mich losgeht, packe ich ihn, hebe ihn hoch und werfe ihn durch den Raum. In dem Moment, in dem es geschehen ist, denke ich: „Scheiße, der muss ja morgen drehen, hoffentlich passiert ihm nichts!“ Dennis landet krachend auf dem noch nicht abgeräumten Frühstückstisch, Geschirr zersplittert, Milch spritzt an die Wand. Nach ein paar Sekunden rappelt er sich wieder hoch. Plötzlich ist es totenstill im Raum, nur unser Keuchen ist zu hören. Dennis und ich stehen uns gegenüber rund starren uns an. Übergangslos sagt Dennis: „Deine Brille! Wo ist deine Brille?“
Dann rutschen wir alle, auch die Fotografin, auf allen vieren am Boden herum und suchen die Brille. Christian weint vor sich hin, Dennis ist totenblass, und ich zittere vor Aufregung. Die absurde Suche dauert ein paar Minuten, dann finden wir die Brille hinter dem Sofa. Sie ist noch heil.

Als ich sage, dass ich gehe, nimmt Dennis plötzlich das Drehbuch, sucht die Szene für den nächsten Tag und sagt: „Ich muss jetzt Text lernen.“ Als ich mich an der Tür noch einmal umdrehe, sitzt er da wie ein Schüler, der Fleiß vortäuscht und starrt auf die Seiten. Vermutlich ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Am nächsten Drehtag steht Dennis’ Wohnwagen in der Iranischen Straße vor dem jüdischen Krankenhaus. Auf den Gänge des Hospitals werden Action-Szenen gedreht. Wir sitzen im Trailer und warten, dass die nächste Kamerafahrt eingerichtet ist. Heute ist auch Terrence dabei. Dennis ist gutgelaunt und trinkt nichts Hartes: keinen Whisky, keinen Bacardi. Aber die geleerten  Bierdosen auf dem Tischen nehmen langsam zu.

*

Wir unterhalten uns über Hollywood und Dennis sagt: „Man sollte Hollywood eine Ananas in den Arsch stecken! Aber eine, die rotiert!“ Dann erzählt er, dass er diesen Satz schon in seinem Film The Last Movie gesagt habe: „In einer Grossaufnahme. Die betroffenen Herren fanden das überhaupt nicht witzig …“
Nach zehn Stunden Arbeit wird am Abend die letzte Einstellung gedreht: eine sehr schnelle Action-Szene mit viel körperlichem Einsatz, der von Dennis und Terrence Konzentration und Präzision verlangt. Das Ganze ist auch eine komplizierte und schnelle Kamerafahrt. Gleich beim ersten Take kommt es zum Unfall: Eine Urinflasche muss in der Szene von Terrence auf einen Komparsen geworfen werden. Sie trifft den Mann, und er blutte über das ganze Gesicht. Die Ärzte kümmern sich sofort um ihn, und wie sich herausstellt, ist es nicht ganz so schlimm, wie es ausgesehen hat.

Dennis ist von dem Vorfall sehr mitgenommen. Aufgeregt wirft er der Produktion vor, man hätte ein präparierte Flasche nehmen oder Terrence sagen müssen, dass die Flasche aus Glas ist und er nur in die Richtung des Komparsen werden soll. Nach einigem Hin und Her wird die Szene wiederholt.
Diesmal liegt Roland Klick, der sich zur Beobachtung auf dem Boden niedergelassen hat, der fahrenden Kamera im Weg. Bei dritten Mal klappt es dann. Klick bedankt sich bei Dennis, umarmt ihn, Drehschluss. Plötzlich ist alles vorbei.
Auf dem Weg zum Wohnwagen keucht Dennis noch vor Anstrengung, ist erschöpft von der Aktion, und noch angeschlagen von dem Bild des blutenden Komparsen. Als erstes zieht er sich wieder seine Boots an und setzt seinen Cowboyhut auf.

Wir wollen an diesem Abend unsere Ruhe haben und gehen in ein einfaches, aber sehr gutes Berliner Lokal: zu Eckarts und Doris’ „Essen und Trinken“. Dennis ist immer noch bedrückt und traurig: Der Vorfall vorhin beim Drehen beschäftigt ihn. Ihm fällt wieder der Dreh mit den Punks ein, bei dem es Verletzte gab: „Unfälle, Unfälle, Unfälle … Ich will niemanden kritisieren, aber Leute werden verletzt – solche Sahen sollten auf der Leinwand zu sehen sein, durch Tricks hergestellt, aber nicht wirklich passieren!“ Nach dem Essen fühlen wir uns alle besser, im Hintergrund im Radio singt Fred Astaire, und Dennis singt leise mit und lacht. Später sprechen wir unter dem nachsichtigen und belustigten Lächeln von Christina über Frauen.
Dennis: „Ich liebe Frauen. Sie neigen nur dazu, zu lügen, einen zu täuschen. Auf dem Gebiet sind sie trainierte Experten. Aber sie benutzen das sehr gegen die Männer. Aber es ist nicht schlimm, man muss als Mann damit leben und umgehen … die Frauen können nicht anders, sie haben es so gelernt …vielleicht haben sie auch ein Recht dazu … es ist eine komplizierte Geschichte. Man darf nicht vergessen, dass die Gesellschaft fast immer von Männern beherrscht wurde und wird.“

Christina lacht. Dennis grinst und sagt: „Und du bist auch eine Frau, mehr geht fast nicht! … Frauen sind selten offen. Aber ich wünsche mir immer eine Beziehung, in der man offen miteinander ist. Man muss ja nicht alles aussprechen. Aber wenn man damit anfängt und den anderen damit wirklich berührt, dann soll an auch sagen, was wirklich lost ist. Das ist das wichtigste!“ Christina lächelt wieder und schweigt.

Nachts in Dennis’ Appartement hat Christina es sich im Bett gemütlich gemacht. Wir lagern uns rechts und links davon am Boden, stützen uns am Bettrand ab und reden über Amerikaner und Europäer. Dennis trägt nur ein weißes Smokinghemd und sieht plötzlich wie ein Junge aus. Er beklagt sich, dass er sich mit den Europäern manchmal nur schwer versteht: „Sie sind so ernst und begreifen mich nicht. Ich will eigentlich immer nur spielen können …Ich habe Kraft, Phantasie, Lust, viele Fehler und bin verrückt, und damit spiele ich. Aber wie soll ich spielen können, wenn ich eure Regeln nicht kenne, sie auch nicht erklärt bekomme? Ich komme mir oft fremd bei euch vor…“ Dann greift er Christian kurz an den Hintern, zieht die Hand schnell wieder zurück: „Oh, sorry, das war wieder nicht europäisch!“

Dennis hasst Trennungen und Abschied. Entweder er drückt sich davor oder es geht ganz schnell. Als ich endgültig gehe, weil ich am nächsten Morgen zurückfliege, sagt Dennis nur: „Do every thing I do, but do it twice!“ Alles, was Dennis Hopper macht, mit doppelter Power machen: Das ist unmöglich.

Ende.
 
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